Dr. phil. Berta C. Schreckeneder
Praxis für Beziehungstherapie
Das einsame Gefühl der Einsamkeit

Das einsame Gefühl der Einsamkeit

Ist Einsamkeit ein schwieriges Gefühl? Besonders schwer hat es die Einsamkeit selbst. Keiner will dieses Gefühl fühlen und dennoch: Jeder Mensch hat das Gefühl der Einsamkeit in sich, genauso wie die Angst. Sie ist ein Grundgefühl im Menschen. Evolutionsbiologisch ist  Angst im Menschen eine Notwendigkeit und daher für jeden Menschen fühlbar und bekannt. Einsamkeit war für das Überleben bisher vielleicht nicht wichtig und von daher nicht so bewusst. Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass es das Gefühl der Einsamkeit in unseren Genen nicht gibt. In den Religionen ist sie immer schon ein Thema. Ein sehr schönes Weihnachtslied handelt davon: „Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht …“. Haben nicht auch Jesus oder Buddha lange Zeiten der Einsamkeit erlebt?

Menschen sitzen inmitten von Gesprächsrunden, daheim am Esstisch, abends mit anderen in der Kneipe und manche fühlen es auch da, mitten unter anderen – die Einsamkeit. Oder sie leben alleine und fühlen es. Fragt man nach, wie sie das Gefühl empfinden, kommt selten eine Beschreibung des Gefühls, eher eine negative Bewertung. Da ist es nur allzu verständlich, dass Sie im Internet Tipps finden, wie man gegen die Einsamkeit „vorgehen“ kann, wie man sie loswerden kann.  Die Einsamkeit loslassen und sie dann nie mehr fühlen – das wird angeboten. Die weniger gute Nachricht ist allerdings: Es funktioniert auf Dauer nicht.

Betrachten Sie das Gefühl und den Umgang damit einfach mal von außen, so als hätte dieses Gefühl für einige Minuten nichts mit Ihnen zu tun.

Das Gefühl der Einsamkeit vermeidet jeder ein bisschen anders.

  • Der Eine setzt sich in seine Einsamkeit und baut Mauern um sich. Er verschanzt sich in der Einsamkeit und bricht alle Kontakte nach außen ab, fest davon überzeugt, dass ihn keiner braucht und keiner will.
  • Der andere lernt meditieren und fließt vielleicht unachtsam an seiner Einsamkeit vorbei.
  • Wieder ein anderer macht kilometerlange Umwege im Leben, um seiner Einsamkeit aus dem Weg zu gehen, sie nicht zu fühlen. Und doch landen sie gerade im zunehmenden Alter immer wieder darin.
  • Und dann gibt es viele von denen, die ständig unterwegs sind, täglich, stündlich sich unter Menschen bewegen, um jedem Fünkchen dieses Gefühls zu entkommen.

Finden Sie sich in der Aufzählung? Was ist Ihre ganz persönliche Art mit dem Gefühl der Einsamkeit zu sein? Vielleicht schaut das nochmal anders aus.

„Wer seine eigene Einsamkeit in sich fühlen kann, sie aushalten kann, hat Mitgefühl mit anderen, die sich einsam fühlen.“  (Coromayh)

 

Gehen Sie wieder in die Betrachtung von außen – kennen Sie die Kombination von Einsamkeit und dem Wunsch nach Alleinsein?

Der Wunsch nach Alleinsein und die Angst vor der Einsamkeit sind sich unglaublich nahe. „Endlich mal alleine, endlich Ruhe.“ Sind Sie jemand, der sich nichts sehnlicher wünscht, als öfters mal alleine zu sein? Der Job, die Kinder, der Partner – immer ist jemand da.

Haben Sie sich mal gefragt, ob Sie Angst haben, sich einsam zu fühlen? Ist das ein Grund, warum Sie sich keine Zeit für sich schaffen, sie nicht ab und wann 5 min. bspw. in einem Park sitzen und still sind? Haben Sie schon mal ausprobiert, was in Ihnen passiert, wenn Sie 2 Tage alleine – ohne Aufgaben, ohne Anspruch an Sie – sind?

 

Weihnachten ist eine gute Zeit, sich Gefühlen zu widmen.

Entdecken Sie die Einsamkeit in sich! Lernen Sie Ihre Einsamkeit kennen und lieben – DAS ist die Lösung, die Sie befriedigen wird. Seien Sie offen und neugierig gegenüber Ihrem Gefühl der Einsamkeit. Denn die Einsamkeit gehört zu Ihnen und ist grundlegend, um sich mit anderen verbunden zu fühlen.

 

BEZIEHUNGSTIPP: Gehen Sie in einer ruhigen Minute der Aussage nach – „Ich fühle mich einsam.“  Vielleicht können Sie sich sogar vorstellen, Sie betreten ganz bewusst den Raum Ihrer Einsamkeit. Sie machen die Tür auf und gehen hinein, in dem Wissen durch diese Türe auch wieder rausgehen zu können. Schauen Sie sich um in diesem Raum. Ist er schön oder kahl? Seien sie neugierig. Das Gefühl will gesehen werden. Und wenn Sie sich gut umgesehen haben, gehen Sie durch die Türe wieder raus. Lassen Sie den Besuch als Erfahrung stehen. Besuchen Sie künftig immer wieder bewusst diesen Raum. Und wenn Sie sich in den Raum der Einsamkeit gezogen fühlen, dann entscheiden Sie, ob sie sich jetzt Zeit dafür nehmen möchten. Sie entscheiden, wann Sie Ihrem Gefühl Aufmerksamkeit und Liebe schenken.

Wenn Sie Angst fühlen, dann beenden Sie die Übung und atmen Sie gut. Lassen Sie sich Zeit! Sie haben ein Leben lang Zeit, Ihr Gefühl der Einsamkeit kennen zu lernen und sich zu lieben.

Es gibt Menschen, die Angst und Panik vor der Einsamkeit erleben.Sie leiden regelrecht unter diesem Gefühl. Da ist diese Übung noch nicht geeignet. Hier braucht es eine therapeutische Unterstützung. Damit können sie ihre Gefühle führen lernen. Das macht sie selbstsicher und selbstbewusst. Die Einsamkeit ist genauso zu führen, wie die Angst – oft sogar leichter.

 

Beitragsbild: Meike Schnelting

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